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Nach nunmehr drei Jahren stellt das Antirassistische Telefon Marburg seine Arbeit ein. In dieser Erklärung sollen die Gründe für diesen Entschluss dargelegt werden.

Nach langer Vorbereitungszeit nahm das Antirassistische Telefon Marburg (ART) im Januar 2002 seine Arbeit auf. Durch das Zusammentragen und die Dokumentation von Erfahrungen und Informationen über Rassismus in der Region Marburg sollten politische Akzente gegen Rassismus gesetzt werden, ohne dabei die alltägliche und individuelle Betroffenheit vieler MigrantInnen zu ignorieren. Das ART war als Instrument gedacht, rassistische Diskriminierung, Benachteiligung und Gewalt praktisch durch die individuelle Unterstützung Betroffener und strukturell durch Dokumentation, politische Intervention und Öffentlichkeitsarbeit zu bekämpfen.

Die Daten, 2004 anonymisiert in einem Arbeitsbericht veröffentlicht, stehen in direktem Widerspruch zu der traditionsreichen Mär der Abwesenheit von Rassismus in einer vorgeblich geläuterten deutschen Gesellschaft. In vielen Fällen gelang es dem ART, Betroffenen auf eine für sie zufriedenstellende Weise zu helfen. In einzelnen Fällen jedoch überstiegen die Erwartungen an das ART den gesellschaftlich vorgegebenen Handlungsrahmen. Das Problem "der Grenzen des Machbaren" resultierte dabei nicht zuletzt aus der von strukturellem Rassismus gekennzeichneten repressiven gesellschaftlichen Situation selbst, die das ART als Organisation bewusst zu durchbrechen versuchte.

Hierzu zählen z.B. auch eine miserable rechtliche Situation, die es oftmals nicht zuließ juristisch gegen Fälle rassistisch motivierter Benachteiligung z.B. auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt vorzugehen, die Schwierigkeit aussagewillige Zeugen und Zeuginnen für verbale oder physische Attacken zu finden sowie ein ressentimentgeladenes Wegschauen seitens Polizei, Behörden und Medien.

Bezogen auf viele Einzelfälle erscheint die Strategie der Intervention als Organisation sinnvoll, fanden Nachforschungen und Stellungnahmen des ART auf Seiten der Beschuldigten bzw. zuständigen Stellen zumeist mehr Beachtung als die individuellen Bemühungen Betroffener. Dabei zeichnete sich eine deutliche Fixierung der Ordnungsbehörden auf Fälle rassistischer Gewalt und seitens der Medien auf Fälle faschistischer Propaganda ab. Alle Vergehen unterhalb dieser Schwellen trafen offensichtlich auch in der Politik auf ein stillschweigendes Einverständnis oder wurden als irrelevant abgetan.

Besonders drastisch zeigte sich dies im Fall der mittlerweile als "deutsche Disco" bekannt gewordenen Diskothek Funpark in Wehrda, die, nicht nur Nachforschungen des ART zufolge, i.d.R. männlichen Migranten systematisch den Zugang verwehrt. Trotz langwieriger und intensiver Bemühungen des ART, die offensichtliche Ungleichbehandlung und Diskriminierung zu beenden, erschöpfte sich die Reaktion von Medien und Politik in einem Artikel der Oberhessischen Presse (29.12.2003) und einer Sitzung des Stadtparlaments, in der das Thema folgenlos diskutiert wurde.

Der Versuch, einerseits "Licht ins Dunkel des alltäglichen Rassismus" zu bringen und entgegen der behördlichen und medialen Praxis das Ausmaß rassistischer Diskriminierung auch und vor allem unterhalb der Schwelle zur schweren Körperverletzung zu dokumentieren, ist auch heute noch als höchst sinnvolles Unternehmen zu bezeichnen. Auch eine antirassistische Anlauf- und Beratungsstelle für MigrantInnen, die Rassismus als gesellschaftliches Problem und damit auch die Betroffenen ernst nimmt und in ihrem Interesse interveniert, gibt es in dieser Form in Marburg nicht. Dennoch haben wir uns nach langen Diskussionen dazu entschlossen, die Arbeit des ART einzustellen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und können auch nicht über die Ambivalenz einer Notwendigkeit der Fortführung des ART's als politisches Projekt einerseits und der Unmöglichkeit, die Arbeit weiterhin sicherzustellen, andererseits, hinwegtäuschen.

Für die Arbeit des ART als Quasi-Institution mit Beratungsangebot war die Bereitschaft zu einer hohen Verlässlichkeit seitens der MitarbeiterInnen unbedingt nötig. Weil jedoch die meisten der MitarbeiterInnen im Bereich geringfügiger Beschäftigung arbeiteten, entwickelte sich der ökonomische Druck von außen schließlich auch zu einem existenziellen Problem für das ART. Dieses konnte zuletzt die Kontinuität der Arbeit vor allem in Bezug auf Beratung und Hilfe zu den Sprechzeiten und über diese hinaus nicht mehr sicherstellen. Trotz einer vergleichsweise hohen Zahl an MitarbeiterInnen und einer geringen Fluktuation nahmen die Kapazität und Energie, die die Einzelnen in der Lage waren für unbezahlte Arbeit aufzuwenden, über die Jahre stetig ab. Das Interesse an einer Mitarbeit beim ART war entweder gering, so dass es schwer möglich war neue MitarbeiterInnen zu finden, oder diejenigen, die die Ziele des Projektes teilten und bereit waren sich einzubringen, konnten ihrerseits nicht genügend Zeit erübrigen.

Um eine angemessene Öffentlichkeitsarbeit zu ermöglichen, war das ART auf eine stetige Frequentierung des Telefons bzw. auch auf die Bereitschaft der von Rassismus Betroffenen, mit dem ART zusammenzuarbeiten, angewiesen. Dies wiederum erforderte einen engen Kontakt zu MultiplikatorInnen in MigrantInnen-Vereinen und -Institutionen sowie eine Präsenz des ART in den Medien und Werbe-Kampagnen.

Die in der letzten Zeit nachlassende Akzeptanz und Unterstützung seitens Betroffener ist unserer Erfahrung nach unter anderem auch auf eine mangelnde Anwesenheit und Zusammenarbeit des ART bei multikulturellen Festen und Veranstaltungen zurückzuführen. Ein erweitertes Engagement in diesem Kontext war mit dem politischen Verständnis und den Zielen des ART allerdings nicht vereinbar. So wollte sich das Projekt von Anfang an von wohlwollender Bevormundung von MigrantInnen seitens vieler bürgerlicher "Pro-Ausländer-Kampagnen" abgrenzen und teilte ebensowenig die neoliberale Sichtweise des "Nützlichen Ausländers".

Die Versuche, alternative, explizit politische Veranstaltungen wie z.B. Workshops und Vorträge zur Ausländer- und Asylgesetzgebung und zum Antidiskriminierungsgesetz zu organisieren, scheiterten leider allzu oft an mangelnden personellen Kapazitäten. Durch eine zuletzt sehr geringe Frequentierung des Telefons scheiterte das Konzept insofern, als der Anspruch, den Alltagsrassismus in der Region zu erfassen, nicht mehr zu erfüllen war. Die bereits beschriebene mangelnde Resonanz seitens der bürgerlichen Presse, die sogar den Arbeitsbericht des ART nur peripher beachtete sowie die miserable rechtliche Situation und das Fehlen eines Anti-Diskriminierungsgesetzes in der BRD erschwerte jede öffentliche Intervention des ART.

Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich für jegliche Unterstützung, die uns zu Teil geworden ist. Bei Auflösung des Vereins werden entsprechend der Satzung alle dem Verein noch zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel an den Verein Pro Asyl übertragen. Für ein paar Wochen werden wir noch unter der E-Mail Adresse kontakt@art-marburg.de erreichbar sein.

Die MitarbeiterInnen des ART
(Oktober 2005)

Antirassistisches Telefon Marburg e.V.

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